Ein Bild des Buchs Geflochtenes Süßgras von Robin Wall Kimmerer
| |

Ein Buchtipp für wilde Seelen: Geflochtenes Süßgras von Robin Wall Kimmerer

Ein Bild des Buchs Geflochtenes Süßgras von Robin Wall Kimmerer

Mich hat selten ein Buch so sehr berührt wie Robin Wall Kimmerers Buch Geflochtenes Süßgras. Es ist eins dieser Bücher, die ich immer wieder zur Hand nehmen möchte und die mich wahrscheinlich mein Leben lang begleiten werden.

Als ich das Buch das erste Mal aus der Bibliothek auslieh, wollten wir beide allerdings nicht so recht warmwerden. Tatsächlich unternahm ich mehrere Versuche, das Buch zu lesen, von denen jeder scheiterte. Also vergaß ich das Buch wieder, bis ich auf Kimmerers Essay über die Serviceberry (dt. Felsenbirne) stolperte. Ich fing sogleich Feuer und wusste, ich musste einen weiteren Versuch starten.

Ich wurde nicht enttäuscht.

Robin Wall Kimmerer: Eine Frau, die sich durchsetzt

Robin Wall Kimmerer ist eine Frau, die sich durchsetzt. Als Bürgerin der Potawatomi Nation, einer der Nationen der amerikanischen Ureinwohner, wurde sie von den Professoren belächelt als „das indianische Mädchen“, mehr noch, als sie ihrer Liebe zu den Pflanzen Ausdruck verlieh. Allen Widerständen zum Trotz studierte sie Botanik und wurde schließlich selbst Professorin. In ihrem Buch schreibt sie, wie sie ihre Forschungen von indigenen Praktiken und deren Auswirkungen auf die Pflanzenwelt oft gegen die Skepsis ihrer eigenen Professoren durchsetzen musste, ihre Mühen jedoch durch überraschende und teils revolutionäre Erkenntnisse belohnt wurden.

Sie ist aber nicht nur Wissenschaftlerin, sondern auch Sammlerin von Geschichten, Poetin, Mutter von zwei Kindern und so wie wir alle eine Suchende, eine Lernende. Ihre Geschichten teilt sie großzügig mit uns in ihrem Buch und lässt uns an ihrem Leben, an ihren Erkenntnissen, an alten indigenen Weisheiten und an den Kämpfen, die sie ausfechten musste, teilhaben.

Ein Buch, das in keine Schublade passt

Geflochtenes Süßgras lässt sich nicht so leicht in eine Schublade einordnen. Es ist ein poetisches Geflecht aus Biographie, Geschichte der amerikanischen Ureinwohner, Botanik, indigenem Wissen und in gewisser Weise auch unser aller Geschichte. Es war wie ein lange vergessenes Lied, eine Erinnerung an alles, was ich vergessen habe, ein Handbuch für wilde Seelen, eine Anleitung zum Menschsein. Es fühlte sich an, als würde ich am Lagerfeuer mit einer meiner Ältesten sitzen, die ihre Lebensweisheiten in Form von Geschichten, Legenden und persönlichen Erfahrungen mit mir teilte.

Von der Ehrbahren Ernte und der Legende von Skywoman zu der Verbindung zwischen Eschensterben und dem Aussterben der Korbflechter über die Haudenosaunee Thanksgiving Address zu der Großzügigkeit von Schilfrohr – Kimmerers Buch liefert einen einzigartigen Einblick in die tiefen Zusammenhänge und wundersamen Abhängigkeiten in der Natur, an denen wir einst Anteil hatten, für die wir jedoch blind geworden sind. Kimmerer räumt mit der Vorstellung auf, dass der Mensch in der Natur nichts zu suchen hat, sondern zeigt auf, wie Menschen und Natur einst in einer engen Beziehung aus Geben und Nehmen standen.

Wenn wir unsere Traditionen sterben und Beziehungen verkümmern lassen, leidet das Land.

Robin Wall Kimmerer

Ein Handbuch für wilde Seelen

Am meisten liebe ich Geflochtenes Süßgras, weil es so viel praktisches Wissen enthält. Kimmerer erwähnt nicht einfach nur die Ehrbare Ernte, sondern liefert einen komplette Anleitung, worauf zu achten ist und wie ich einen respektvollen Umgang mit der Natur pflegen kann, sodass auch für alle anderen noch genügend übrig bleibt.

Neben der Ehrbaren Ernte widmet Kimmerer auch ein ganzes Kapitel der Haudenosaunee Thanksgiving Address, einer Art Dankgebet an die Natur. Und auch hier wird die Dankbekundung nicht einfach nur erwähnt, sondern Kimmerer liefert – in Absprache mit den Ältesten der Haudenosaunee – den kompletten Inhalt, sodass jede Leserin und jeder Leser fortan dasselbe Gebet sprechen kann.

Sie beschreibt in Einzelheiten, wie sie mit ihren Kindern Ahornsirup hergestellt hat und warum Birkenholz so gut zur Aufbewahrung ist, wie sie mit ihren Studierenden eine Exkursion in die Natur machte, während der sie von nichts anderem als dem lebten, was die Natur ihnen gab.

Ich wollte sofort rausgehen und forschen, alles über die Natur lernen, mein Wissen über die Natur erweitern (und habe mich gleich für einen Kurs zum Feuermachen angemeldet 😂). Kimmerer beschreibt ihre eigenen Erlebnisse so lebhaft, dass man das Gefühl bekommt, dabei zu sein, als Student mit ihr am Lagerfeuer zu sitzen oder mit ihr gemeinsam die Thanksgiving Address zu rezitieren.

Eine Liebeserklärung der Erde zurück an uns

Geflochtenes Süßgras ist eine Liebeserklärung an unsere wunderbare Erde und eine Liebeserklärung der Erde zurück an uns, eine Erinnerung an die unendliche Großzügigkeit der Bäume und Pflanzen um uns herum. In den indigenen Sprachen Amerikas, so schreibt Kimmerer, ist die Natur kein Ding, sondern Pflanzen und Tiere, ja selbst Steine und Flüsse, sind Personen wie wir mit ihrer eigenen Sprache. Unsere Brüder und Schwestern, Großmütter und Großväter.

Wissen, das auch meine eigenen germanischen und keltischen Vorfahren besaßen, vielleicht sogar noch meine Urgroßeltern. Wer weiß. Mir ist erst beim Lesen so wirklich bewusst geworden, dass – ander als im Englischen – im Deutschen alles ein Geschlecht hat und eigentlich nichts in der Natur ein Ding ist. Bäume sind fast alle weiblich. Vielleicht ein Zeichen dafür, dass auch unsere Vorfahren die Bäume als ihre Großmütter ansahen?

Die Pflanzen können uns den Weg zeigen

Geflochtenes Süßgras ist eine Geschichte, von dem, was wir verloren haben: altes Wissen, alte Bräuche, die innige Verbindung zur Natur und der Welt um uns herum. Aber es ist nicht nur eine Geschichte über das, was verloren ist, sondern auch eine Geschichte darüber, wie wir es wieder zurückbekommen können.

In vielen indigenen Sprachen Amerikas, so schreibt Kimmerer, könnte man das Wort für „Pflanze“ in etwas mit „die, die sich um uns kümmern“ übersetzen. Und tatsächlich würden wir ohne die Pflanzen ganz schön alt aussehen. Kein Sauerstoff, keine Nahrung, nichts. Aber Pflanzen können noch mehr, als uns einfach nur mit Essen zu versorgen. Sie sind unsere ältesten Lehrmeister und sie können uns den Weg zurück zeigen, zurück zu unseren Wurzeln und unserem Platz in der Welt, zurück zu Großzügigkeit und gegenseitiger Fürsorge.

Als Kimmerer sich einmal bitterlich beklagte, dass sie keine Muttersprache mehr hätte, in der sie mit den Pflanzen sprechen könnte, und damit auch meinem eigenen Schmerz über meine verlorenen Traditionen Ausdruck verlieh, klopfte sich einer der Ältesten aufs Herz und sagte zu ihr: „Wenn du von hier zu ihnen sprichst, werden sie dich hören.“ (Eigene Übersetzung)

Pflanzen sind unsere ältesten Lehrer.

Robin Wall Kimmerer

Geflochtenes Süßgras: Ein großzügiges Geschenk an uns alle

Die Pflanzen haben uns viel zu erzählen und können uns den Weg zurück zeigen. Zu einer  besseren Welt. Zu längst vergessenem Wissen. Zu uns selbst. Wir müssen nur zuhören.

Mich hat das Buch unglaublich beschenkt: mit Hoffnung, Liebe und Vertrauen in Mutter Natur. Ich bin erfüllt mit Dankbarkeit, dass die Ältesten, mit denen Robin Wall Kimmerer gesprochen hat, ihr Wissen so bereitwillig teilten und die Erlaubnis gaben, das Wissen in einem Buch zu verarbeiten. Als Kimmerer die Haudenosaunee fragte, ob sie die Thanksgiving Address in ihrem Buch verarbeiten dürfte, bekam sie immer wieder zu hören, dass es „ein Geschenk der Haudenosaunee an die Welt“ wäre.

Eine Großzügigkeit, die mich tief berührt und mich herausfordert, ebensolche Großzügigkeit im Leben zu zeigen. Was würde sich ändern, wenn wir jeden Tag voller Dankbarkeit wären, dass die Sonne noch immer scheint, dass die Quellen noch immer fließen, dass die Erde uns noch immer trägt, dass die Bäume noch Früchte tragen und uns jedes Jahr aufs neue reich beschenken? Wer würden wir sein, wenn wir wieder in Dankbarkeit mit unserer großen Mutter verbunden wären?

3 Gründe, warum du dieses Buch unbedingt lesen solltest

Eigentlich braucht es nur einen Grund und einer der Haudenosaunee Ältesten, mit dem Robin Wall Kimmerer sprach, hat es so gut zusammengefasst, dass ich es besser nicht sagen könnte:
„Wir haben fünfhundert Jahre darauf gewartet, dass die Menschen uns zuhören. Wenn sie das Danksagen damals schon verstanden hätten, dann wären wir nicht in diesem Schlamassel.“ (Meine eigene Übersetzung).

Wir brauchen Hoffnung. Aber mehr noch brauchen wir einen Weg hinaus aus der Sackgasse, in die wir uns als Menschheit hineinmanövriert haben. Meiner Meinung nach liefert Geflochtenes Süßgras genau das: Praktische Anweisungen, wie wir unsere Verbindung zur Natur wiederfinden und einen Wegweiser zurück zu unserem Menschsein.

In der englischen Originalausgabe wird das Buch übrigens von der Autorin selbst gelesen. Es lohnt sich auf jeden Fall, mal reinzuhören, allein schon um zu hören, wie die jeweiligen Begriffe aus den indigenen Sprachen Amerikas ausgesprochen werden.

Was, wenn die Erde dich zurückliebt?

Robin Wall Kimmerer

Wusstest Du, dass ich auch Fantasy-Romane schreibe? Hier findest Du eine Übersicht.

Oder abonniere meinen kostenlosen Newsletter und erhalte Buchtipps und Inspiration bequem per Mail.

Ähnliche Beiträge