Fang mit dem zweiten Satz an: Warum du deine Texte nicht von vorn nach hinten schreiben musst
Hast du schon jemals vor dem leeren Blatt Papier (oder dem leeren Bildschirmdokument) gesessen und in deinem Kopf herrschte nur gähnende Leere?
Oder vielleicht vor der E-Mail, die unbedingt geschrieben werden muss, aber du scheiterst schon an dem ersten Satz. Du grübelst und grübelst, aber es will dir einfach nichts passendes einfallen.
Ich muss gestehen, dass gerade E-Mails mir regelmäßig ein Beinchen stellen. Ich kann Stunden damit verbringen, über den ersten Satz nachzugrübeln. Der muss schließlich sitzen, nicht wahr?
Warum du den ersten Satz erst mal links liegen lassen kannst
Der Durchbruch kam für mich, als ich mir endlich die Erlaubnis gab, mit allem außer dem ersten Satz anzufangen. Bei E-Mails habe ich oft das Kernanliegen im Kopf. Das ist dann schnell runtergeschrieben. Bei meinen Büchern fang ich einfach mit dem an, was mir gerade im Kopf rumschwirrt. Das kann ein Dialog sein, eine Szene mittendrin oder auch einfach nur ein Satz mitten im Nirgendwo.
Sobald das Eis einmal gebrochen und das leere Dokument nicht mehr leer ist, ergibt sich der Rest meistens von selbst. Bei den E-Mails bedeutet das, dass sobald ich die E-Mail – ohne den ersten Satz! – geschrieben habe, ergibt sich der erste Satz oft ganz wie von selbst.
Bei meinen Büchern schreibe ich manchmal zum Schluss noch einen Prolog, wenn ich weiß, in welche Richtung sich alles entwickelt oder ich die Backstory meiner Figuren besser kenne.
Fang mit dem an, was in deinem Kopf rumschwirrt
Natürlich musst du dich nicht sklavisch daran halten jetzt für alle Ewigkeit immer mit dem zweiten Satz anzufangen. Sonst wird der zweite Satz schnell zum ersten. Was ich damit meine, ist eher, dass ich da anfange, wo ich im Kopf gerade bin. Das kann der zweite Satz sein. Oder der letzte Satz. Der Mittelteil, die letzte Szene im Roman, irgendwas zwischendrin. Der Teil, der bereits fertig oder halbwegs klar in meinem Kopf steht, den schreibe ich als Erstes auf. Und wenn mir nach diesen ersten Sätzen irgendein anderer unzusammenhängender Satz einfällt, dann schreibe ich den auch auf.
Meistens löst das Schreiben dieser ersten Ideen gleich ein paar neue Ideen aus, die ich dann als Nächstes aufschreibe, selbst wenn sie nicht unbedingt zum ersten Teil passen. Egal! Schließlich sieht am Ende niemand, dass ich den Text zusammengepuzzelt habe (der große Vorteil von Computern!).
Das Wichtige: Diese Ideen wären mir nicht gekommen, wenn ich die anderen nicht schon aufgeschrieben hätte. Der Akt des Schreibens selbst löst (zumindest bei mir) neue Ideen aus. Deshalb ist es so wichtig, dass ich eben nicht mit dem ersten Satz anfange, sondern erst mal mit den Ideen, die ohnehin schon da sind. Der Rest ergibt sich dann von selbst.
Zum Schluss: Zusammenpuzzeln
Erst, wenn ich alles losgeworden bin, was mir so dringlich im Kopf rumschwirrte (oder was unbedingt in die E-Mail musste), fange ich an die Textpassagen oder Sätze zusammenzupuzzeln und Überleitungen zu schreiben oder auch eine Einleitung. Einen ersten Satz. Wie schon gesagt, ergibt sich dieses ganze Drumherum meistens von selbst, wenn der Kern erst mal steht.
Dann ist der erste Satz auf einmal gar nicht mehr so bedeutend. Niemand weiß am Ende, ob du deinen Roman oder deine E-Mail von vorn nach hinten geschrieben hast.
Wenn es um wissenschaftliche Texte geht (zum Beispiel Masterarbeiten oder Hausarbeiten) haben meine Dozenten während des Studiums sogar immer wieder betont, dass die Einleitung zum Schluss geschrieben wird, nachdem man geforscht hat und der restliche Text steht.
Natürlich darfst du auch weiterhin mit dem ersten Satz anfangen, wenn sich das für dich gut anfühlt. Schreiben sollte Spaß machen und jede und jeder entwickelt früher oder später ganz eigene Methoden. Aber wenn du wie ich zu den Leuten gehörst, die immer am ersten Satz hängenbleiben, dann hast du ab jetzt die Erlaubnis, irgendwo anzufangen. Mit dem zweiten Satz oder mit dem letzten. Völlig egal.
Also. Handy beiseite und leg los. Mit welchem Satz fängst du an?