Der Winterpriester: Kinder des Vandros 2 von J. B. Hofeditz – Leseprobe

Magischer Hintergrund mit Mond und Sternen. Davor das Cover des Fantasy-Romans Der Winterpriester: Kinder des Vandros 2 von Autorin J. B. Hofeditz. Es zeigt die Illustration eines blonden Mannes mit Bart, umgeben von eisig-blauer Wintermagie.

Ein queerer Fantasy-Roman über Freundschaft, zweite Chancen und den Mut, der eigenen Magie zu vertrauen.

Prolog

»Mehr, mehr, mehr!« Das Mädchen klatschte in die Hände und tanzte durch die wirbelnden Schneeflocken.

Der Junge, ein schlaksiges Ding, das nur aus Armen und Beinen und eisblauen Augen zu bestehen schien, hob gehorsam die Hände und ließ ein wenig mehr von der seltsamen Macht, die er vor Kurzem entdeckt hatte, in die Luft fließen. Er hatte keine Ahnung, was genau er da tat, und wusste, dass er schon längst seinen Eltern hätte Bescheid geben sollen, doch sobald er es ihnen gesagt hatte, würden sie ihm sicher verbieten, damit zu spielen. Und es tat niemandem weh, nicht wahr? Ein bisschen Schnee und Eis hatten noch niemandem geschadet.

Die Eisschicht auf dem See, der in der Nähe des Dorfes lag, war noch zu dünn, um selbst das Gewicht der Kinder zu tragen.

»Kannst du das Eis dicker machen?«, fragte das Mädchen aufgeregt.

Der Junge biss sich auf die Unterlippe und wirkte verunsichert. »Ich weiß nicht, Lily.«

»Oh bitte, bitte! Es macht so Spaß herumzuschlittern. Nur ein bisschen?«

Er kniete sich mit einem Seufzen in den Schnee und berührte mit den bloßen Fingern das Eis. Er spürte ein leichtes Ziehen im Arm und dann knackte und ächzte das Eis und die beiden Kinder beobachteten mit Staunen, wie das Eis vor ihren Augen in einem großen Bogen um den Jungen herum dicker wurde.

Das Mädchen hüpfte vor Aufregung und hatte bereits einige Schritte hinaus auf die Eisschicht gemacht, ehe der Junge sie zurückhalten konnte.

»Lily!«, rief er mit einer Mischung aus Ärger und Panik.

»Es ist dick genug! Komm! Lass uns schlittern!« Sie lachte ausgelassen und wirbelte auf den Zehen herum.

Der Junge seufzte und folgte ihr zögernd auf das Eis. Es hielt erstaunlich gut. Dennoch war ihm nicht ganz wohl bei der Sache.

»Geh nicht zu weit raus«, mahnte der Junge. »Das Eis reicht nicht über den ganzen See.«

»Keine Sorge, ich bin ja nicht dumm.«

Sie schlitterten eine Weile auf dem Eis herum, das der Junge für sie gezaubert hatte. Er fragte sich, ob er wohl auch im Sommer für Eis sorgen könnte. Eine dicke Schicht, auf der sie Schlittschuh laufen konnten. Nur für sie allein.

Das Mädchen zog große Kreise und wagte sich dabei weiter und immer weiter hinaus. Nestor hörte ein bedrohliches Knacken und ließ noch mehr Kraft in die Eisschicht fließen, während er zu ihr hastete und sie am Arm packte. »Du sollst nicht so weit raus! Das habe ich dir doch gesagt! Was, wenn du einbrichst?« Es geschah fast jeden Winter, dass irgendjemand ins Eis einbrach, und er wusste genau, wie tückisch das Eis sein konnte. Vor zwei Jahren erst war der kleine Lucan fast gestorben, als er sich zu weit aufs Eis gewagt hatte.

Schneeflocken wirbelten um sie herum, wütend und aufgebracht, so wie der Junge es war.

»Es tut mir …« Das Mädchen blinzelte, schnappte nach Luft und schaute auf ihren Arm, den der Junge noch immer festhielt. Frost breitete sich über ihren Ärmel aus, dort wo der Junge sie gepackt hielt. Ihre Augen weiteten sich vor Staunen, dann sah sie verwirrt zu ihm auf. Der Junge prallte keuchend zurück, ließ sie los und versuchte die Macht wieder in sich zurückzuziehen, doch er wusste nicht wie. Der Schnee wirbelte heftiger um sie herum, das Eis breitete sich über den gesamten See aus.

Das Mädchen blinzelte wieder. »Mir ist so kalt.« Sie sackte unvermittelt in sich zusammen und fiel auf das Eis, bevor der Junge sie zu fassen bekam. Dann lag sie einfach da wie eine leblose Puppe, ihr Gesicht so weiß wie der Schnee, der die Landschaft bedeckte.

Der Junge stand da wie gelähmt, während die Schneeflocken sachte auf ihn herabfielen, weich und lautlos, und sich wie eine Decke über den leblosen Körper des Mädchens ausbreiteten.

Kapitel 1

Nestor verabschiedete den letzten Besucher mit einem kurzen Segen. Es waren mehr Besucher als sonst zum Mittagsgebet gekommen. Nestor vermutete, dass es an seinem neuen Adepten lag, der mit einem strahlenden Lächeln auf dem Gesicht neben ihm stand und den Besuchern freundlich zunickte.

Nach seiner Hochzeit mit dem Enkel des Königs war Leonhard rasch zum Liebling der Ardenner geworden, was dazu geführt hatte, das auch der Heilige des Winters sich neuer Beliebtheit erfreute. Nestor wusste noch nicht so recht, was er davon halten sollte. Wahrscheinlich war es nur eine Frage der Zeit, bis die Menschen ihre Neugier befriedigt hatten, und die Gebete des Winterheiligen wieder von nicht mehr als einer Handvoll Menschen besucht wurden.

»Wir sollten öfter Mittagsgebete abhalten«, verkündete Leonhard.

Nestor schnaubte. »Ich würde gerne auch irgendwann schlafen.«

Leonhard machte ein langes Gesicht. »Aber was, wenn die Menschen nur zur Mittagszeit herkommen können? Ich habe gelesen, dass im Kristalltempel Gebete zu jeder Tageszeit abgehalten werden!«

»Im Kristalltempel gibt es etliche Priester, die sich mit den Gebeten abwechseln können«, entgegnete Nestor. »Hier bin ich der einzige Priester des Vandros und konzentriere mich deshalb auf die Hauptgebete unseres Heiligen.«

Leonhards Gesicht lief leuchtend rot an. »Ihr haltet das Mittagsgebet nur meinetwegen ab.«

Nestor hob eine Augenbraue. »Natürlich. Schließlich musst du alle Gebete kennenlernen, bevor du sie selbst abhalten kannst.«

»Ich … bitte verzeiht, Vater. Ich wollte nicht respektlos erscheinen.«

Nestor unterdrückte ein Seufzen, als der Junge den Kopf hängen ließ und die Schultern bis zu den Ohren hochzog.

»Du bist ein Adept, Leonhard. Ich würde mir Sorgen machen, wenn du keine Fragen stellst oder jammerst.«

»Ich jammere nicht!«, empörte sich Leonhard, ganz wie Nestor es erwartet hatte. Es war zu leicht, ihn aufzuziehen.

»Ich bin sicher, dass du noch andere Aufgaben hast, nicht wahr?«, bemerkte Nestor trocken.

»Aber die Kerzen müssen noch weggeräumt werden und ich kann –«

»Leonhard,« unterbrach Nestor ihn mit mildem Tadel in der Stimme.

Leonhard seufzte. »Kann nicht jemand anderes die Höfe fegen? Wozu haben wir Tempeldiener?«

Nestor verschränkte die Arme vor der Brust und bedachte seinen Adepten mit einem unbeeindruckten Blick. »Wozu in der Tat.«

Leonhard riss die Augen auf und seine Ohren wurden puterrot. »Ich meine … ich wollte nicht …«

Nestor starrte ihn nur an, bis Leonhard die Augen niederschlug. »Ich bitte um Verzeihung, Vater. Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, ich würde mich für etwas Besseres halten.« Er seufzte und hob den Blick. »Es ist nur so furchtbar langweilig und ich würde lieber den Nachmittag mit weiteren Lektionen oder Studien verbringen.«

Nestor unterdrückte ein Lächeln. Leonhard war wahrscheinlich der wissbegierigste Adept, den Vandros je gesehen hatte. »Verständlich«, sagte er. »Jedoch kann uns jede Aufgabe, mag sie auch noch so belanglos erscheinen, etwas Wertvolles lehren. Verrichte deine Aufgaben mit Sorgfalt und dir werden mit der Zeit andere Dinge anvertraut werden.«

Leonhard hatte die Brauen während Nestors Lektion nachdenklich zusammengezogen. »Ich … werde darüber nachdenken«, sagte er schließlich.

»Tu das. Wir sehen uns zum Abendgebet wieder.«

Leonhard nickte und wandte sich zum Gehen, ganz offensichtlich tief in Gedanken versunken, sodass Nestor ihn wortlos ziehen ließ. Er machte auf dem Absatz kehrt und schlenderte den Mittelgang zurück zum Altar, während er darüber nachdachte, ob es nicht wirklich besser wäre, Leonhard mit anderen Aufgaben zu betrauen. Der Junge hatte die letzten Jahre seines Lebens mit nicht viel mehr als Schrubben und Hausarbeit verbracht. Andererseits gab es Nestors Erfahrung nach nichts Besseres als einfache Arbeiten wie Fegen oder Schrubben, um den Kopf frei zu bekommen und die morgendlichen Lektionen zu verinnerlichen.

Etwas zupfte an seiner Wahrnehmung und riss ihn aus seinen Grübeleien. Er blieb abrupt stehen und konnte förmlich spüren, wie er angestarrt wurde. Rosa? Es fühlte sich an wie Sommermagie. Er setzte eine freundliche Miene auf, bevor er sich zu ihr herumdrehte.

Doch es war nicht Rosa, die Priesterin des Sommers, die im Eingang stand, sondern ein Mann mit hellbrauner Haut und feuerrotem Haar, wie es nur in Sorinia vorkam. Feuerrotes Haar galt als ein besonderer Segen der Sorin und so, wie es sich anfühlte, war der Mann tatsächlich reichlich von Sorin, der Heiligen des Sommers, gesegnet worden. Magie pulsierte wie eine unsichtbare Wolke um den Mann herum, sodass Nestors inneres Eis unruhig wurde und aufmerkte. Nestor hatte keine Ahnung, was ein Sommerpriester im Wintersaal verloren hatte und hoffte, dass er nur auf der Suche nach Rosa, der örtlichen Sommerpriesterin, war.

Die kupferfarbenen Augen des Mannes loderten auf, als sein Blick Nestors begegnete, und seine Lippen hoben sich zu einem süffisanten Grinsen, das Nestor instinktiv sein Eis rufen ließ, bis es in seinen Fingerspitzen prickelte. Für einen Augenblick taten sie nichts anders, als sich über die Entfernung der Mittelhalle abzuschätzen, ehe der Mann sich in einem seltsamen Gruß an die Stirn tippte. Nestor spürte das plötzliche Aufwallen von gewaltiger Magie, als der Mann herumwirbelte und durch die Tür verschwand.

Über Nestor explodierten sämtliche Fenster des Wintersaales in einem Scherbenregen.

Nestor dachte nicht nach, sondern warf die Arme in die Luft und reagierte einfach. Ein silbriges Schild aus Eis brach aus ihm hervor, wölbte sich hoch über ihm und fing auch den kleinsten Glassplitter auf, ehe er zu Boden fallen konnte. Nestors Atem stand in einer weißen Wolke vor seinem Gesicht.

Draußen wurden Schreie laut und Nestor betete inständig, dass kein Glas nach draußen gefallen war und einen Unschuldigen verletzt hatte. Ella, Priesterin des Frühlings, und Leonhard stürzten einen Augenblick später gemeinsam in die Halle.

»Nestor, ist alles –« Ella brach abrupt, als sie den Kopf hob und das Schild aus Eis bemerkte, das über den Wänden schimmerte und Abermillionen von kleinen Glassplittern in der Luft hielt.

Sie blickte Nestor vollkommen entgeistert an.

»Heiliger Vandros!«, entfuhr es Leonhard, der sich mit großen Augen umblickte.

Im Mittelsaal hinter ihnen war inzwischen das Chaos ausgebrochen. Menschen riefen durcheinander, einige blickten neugierig in den Wintersaal, andere rannten panisch durch den Mittelsaal. Ella wirbelte herum und wirkte für einen Augenblick hin- und hergerissen.

»Geh!«, stieß Nestor durch zusammengebissene Zähne hervor.

»Aber –«

»Ella«, knurrte er.

Sie nickte und ergriff Leonhard beim Arm.

»Wir können ihn nicht allein lassen!«, protestierte Leonhard.

»Wir helfen ihm am besten, indem wir dafür sorgen, dass sich niemand in der Gegend aufhält und von dem Glas erschlagen werden kann!«, sagte Ella streng und zerrte Leonhard aus dem Wintersaal, während sie die Schaulustigen vor sich herschob und nach draußen schickte.

Nestor hörte Rohin im Mittelsaal Befehle rufen und vertraute darauf, dass seine Priesterkollegen wussten, was sie taten und vor allem genügend Verstand besaßen, um ihm nicht zu nahe zu kommen, biss die Zähne zusammen, schloss die Augen und konzentrierte sich darauf, das Schild zu halten und gleichzeitig niemanden im Umkreis in eine Eisstatue zu verwandeln. Er verfiel in Trance, überließ sich dem Fluss der Magie durch ihn hindurch und hinauf in das Schild, das die Glassplitter festhielt. Er konnte die gewaltigen Ausmaße des Schildes spüren, wie es nicht nur den Wintersaal umfasste, sondern sich auch nach außen, um den Wintersaal herum gewölbt hatte und sich bis in den Mittelsaal erstreckte, wo Teile des gläsernen Kuppeldachs ebenfalls geborsten waren. Die Magie pulsierte wie ein zweites Herz in seiner Brust und es kostete all seine Konzentration, den Fluss zu beschränken, damit sich nicht gleich ein ganzer Schneesturm in der Halle entwickelte oder das Tempelgelände einen plötzlichen Winter erlebte. Die Kälte biss ihn in die Fingerspitzen und das Eis zerrte an seiner Kontrolle, wollte raus und stürmen und toben wie all die Male, die er an der Nordspitze mit Vater Orin verbracht und gigantische Winterstürme entfesselt hatte. Doch Nestor war nicht am Nordkap, war schon lange nicht mehr dagewesen, und ganz Arden verließ sich darauf, dass er nicht die Kontrolle verlor.

»Nestor!«

Die Stimme drang nur langsam in sein Bewusstsein. Über ihm klirrten Glas und Eis, als er leicht in seiner Konzentration nachließ. Er schickte mehr Magie hinauf, ehe er sein Bewusstsein wieder für die Welt um ihn herum öffnete.

»Nestor, hörst du mich? Du kannst das Schild loslassen. Es sind alle in Sicherheit.« Es war Ella, die viel zu nah stand. Heiliger Vandros, sie sollte es allmählich besser wissen, doch sie war der Inbegriff des Frühlings, voller Lebensfreude und viel zu warmherzig für diese Welt.

»Die äußeren Höfe?«, stieß Nestor hervor. Seine Stimme war rau. Wie lange hielt er das Schild schon aufrecht?

»Sind ebenfalls leer«, sagte Rohin mit seiner ruhigen Stimme, als er hinter Ella auftauchte. Nestor hatte ihn noch nie die Beherrschung verlieren sehen, obwohl Rohin der Priester des Herbstes war und über den Wind gebot. »Die gesamte Halle der Heiligen ist großflächig abgesperrt und alle Gärten im Umkreis evakuiert, sodass niemand durch das Glas zu Schaden kommen kann.«

Nestor nickte nur, dass er verstanden hatte, ehe er den Blick zu dem Eis hob, das über ihren Köpfen glitzerte. Nun, da er dem Eis freien Lauf gelassen hatte, wusste er nicht, ob er es zurückholen konnte.

»Geht«, stieß er durch zusammengebissene Zähne hervor. »Bringt euch in Sicherheit.«

»Aber was ist mit dir?«, warf Ella ein und kam ihm noch ein Stückchen näher. Zu nah.

Nestor bleckte die Zähne und hielt sie mit einem finsteren Blick auf.

»Geh, Ella«, sagte Rohin leise. »Ich werde ihm helfen, das Glas sicher zu Boden zu bringen.«

»Rohin«, knurrte Nestor.

»Nein, Nestor«, unterbrach Rohin ihn scharf. »Ich kann mich selbst schützen. Kannst du einen Trichter formen, um das Glas herunterzuholen?«

Konnte er? Nestor hatte keine Ahnung. Es war lange her, seit er in solchem Umfang mit seinem Eis gearbeitet hatte. Für gewöhnlich verschloss er es tief in seinem Inneren, wo es keinen Schaden anrichten konnte.

Nestor stellte sich einen Trichter vor und zog, um den Fluss der Magie umzukehren. Das Schild klirrte und knackte wie das Eis auf einem See, während es sich langsam nach unten und in Nestors Richtung wölbte. Nestor zog fester und stellte sich vor, wie Eis und Glas in einem kontrollierten Fluss zu Boden schwebten. Das Eis krachte und klirrte und Nestor blinzelte, als das Schild zu wirbeln begann, sich ein Trichter bildete, der direkt auf ihn herabstürzte. Er versuchte, den Trichter zu dirigieren, doch es war bereits zu spät. Nestor riss die Arme über den Kopf, als Wind ihn einhüllte und den herabstürzenden Trichter aus Eis und Glas ablenkte – haarscharf an Nestor vorbei. Mit einem mächtigen Klirren krachten Eis und Glas auf den Boden des Wintersaals und sandten Splitter in alle Richtungen. Eine Bank barst unter der Macht des Ansturms. Nestor schlug beide Arme schützend über den Kopf und ein Schild aus Eis und Magie erschien wie aus dem Nichts, hüllte ihn wie einen Kokon ein und schützte ihn vor dem Schlimmsten, während Rohins Magie ihn im selben Augenblick umspielte wie ein warmer Sommerwind.

Nestor sah sich keuchend nach dem anderen Mann um. Doch Rohin schien unverletzt. Er stand mit grimmiger Miene einen halben Schritt hinter Nestor und betrachtete die bunten Scherben, die sämtliche Bänke im Umkreis bedeckten. Schneeflocken wirbelten um sie herum und funkelnde Eiskristalle hingen in der Luft.

Die Magie floss noch immer durch Nestor. Eis wuchs die Wände des Wintersaals hinauf und verschloss die gähnenden Fensterhöhlen, während über ihnen noch immer ein bläulich glänzendes Schild hing. Nestor zog das Eis von den Wänden zurück und verstärkte das Schild über ihren Köpfen, weil er nicht wusste, wohin mit all dem Eis. Seine Magie wollte raus, raus, raus, wollte toben und spielen wie früher, als Nestor einmal im Jahr zu seinem Geburtstag mit Vater Orin zum Nordkap gereist war.

Doch sie waren nicht am Nordkap, sondern mitten in einer belebten Stadt. Er biss die Zähne zusammen und überlegte fieberhaft, wie er sein Eis wieder einfangen konnte.

»War das alles?«, hörte er Rohin fragen.

Nestor konnte nicht antworten, zu sehr damit beschäftigt, das Eis in Schach zu halten, damit niemand zu Schaden kam.

»Das muss alles gewesen sein!«, ertönte Ellas Stimme hinter ihm.

»Definitiv alles!«, hörte er Rosa rufen. »Draußen ist nichts. Nestor, du kannst das Schild loslassen.«

Nestor starrte hinauf auf die Manifestation seiner Magie und hatte keine Ahnung, wie er es zurückrufen sollte. Es war Jahrzehnte her, dass er seiner Magie das letzte Mal so freien Lauf gelassen hatte. Er hatte nie trainiert, wie er sie wieder zurückrufen konnte, bevor sie sich ausgetobt hatte.

Nestor biss die Zähne zusammen und zog. Er hatte keine Ahnung, was er sonst tun sollte. Die anderen Priester waren zu nah, als dass er es gewagt hätte, das Eis in den Boden abzuleiten, und selbst wenn, hätte er damit riskiert, die Tempelgärten durch einen plötzlich gefrierenden Boden zu töten.

Kälte breitete sich in seinen Gliedern aus, bis er seine Finger nicht mehr spüren konnte.

»Nestor!«, hörte er Rohin rufen. »Was tust du?«

Nestor zog weiter. Über ihm krachte und knarzte das Eis und feiner Schnee rieselte auf ihn hinab.

Wärme traf ihn völlig unvermittelt und er biss die Zähne zusammen, als sie wie Feuer auf seiner eisigen Haut brannte. Er hob den Kopf, um Rohin zu verstehen zu geben, dass seine Einmischung nicht erwünscht war, und sah Mutter Wilhelmina, die Hohepriesterin des Frühlings, in den Saal treten. Ihre dunklen Augen funkelten mit unterdrückter Wut. Die Temperatur stieg weiter, bis Nestor das Gefühl hatte, Feuer zu atmen.

Er sank auf die Knie, presste die Hände gegen den Boden und zog den letzten Rest seiner Magie tief in sein Inneres. Für einen Augenblick fühlte es sich an, als würde ihn das Eis von innen heraus zerreißen, bis der Druck nachließ und zu einem pochenden Schmerz in seinen Gliedern abflaute.

»Ich hätte mich nie von Gregor beschwatzen lassen dürfen, dich aufzunehmen«, hörte er Mutter Wilhelmina über sich murmeln, doch die Worte ergaben nicht den geringsten Sinn. »Steh auf, Nestor, und reiß dich zusammen«, setzte sie hinzu, ihre Stimme so leise, dass nur Nestor sie hören konnte.

»Heilige Mutter«, begann Rohin, wurde jedoch sogleich von der Hohepriesterin unterbrochen.

»Rosalia, öffne die Tür und stell sicher, dass niemand draußen im Sommerhof ist. Rohin, hilf ihm hinaus.«

Nestor hörte eilige Schritte, die sich entfernten.

»Nein«, keuchte Nestor, als Rohin die Hände nach ihm ausstreckte. »Ich kann … kann selbst laufen.« Er kämpfte sich schwankend auf die Beine, die Hände noch immer zu Fäusten geballt, damit nichts von seinem Eis entkam. Seine Haut brannte noch immer von Mutter Wilhelminas Magie, doch die Frühlingswärme half, das Eis in Schach zu halten.

»Sei kein Narr«, entgegnete Rohin, während die Winde Nestor bereits unter den Armen griffen und hochhoben.

»Sei vorsichtig«, stieß Nestor durch zusammengebissene Zähne hervor.

Er hörte Rohin nach Luft schnappen, als Nestors Eis die Berührung durch Rohins Winde als Einladung nahm, um wieder zum Spielen hervorzukommen. Schneeflocken tanzten um ihn herum.

»Nestor!«, zischte die Hohepriesterin ungehalten und der kühle Herbstwind verwandelte sich wieder in einen warmen Frühlingswind, der wie tausend Nadelstiche in seine Haut stach.

Nestor unterdrückte ein Stöhnen, als er das Eis noch tiefer in sein Inneres zog, wo es hoffentlich keinen Schaden anrichten konnte.

Dann war er im Hof und stolperte über das glattpolierte Pflaster, während ihm die Sonne in die Augen stach. Offiziell regierte noch immer Vandros, der Heilige des Winters, über Ostris, doch in Arden, der Stadt der Ruïr, herrschte im Grunde das ganze Jahr Frühling, sodass die Sonne auch im Winter ausreichend Kraft besaß, um Nestors Eis in Schach halten zu können. Mit zitternden Fingern zog er sich die Tunika über den Kopf und entblößte seinen Oberkörper. Sonne war seit jeher die beste Möglichkeit, um seinem Eis Einhalt zu gebieten. Er stolperte zu einer der steinernen Bänke, die in der prallen Sonne standen, ließ sich darauf fallen und streckte sich auf dem Rücken aus. Der Sommerhof war so ausgerichtet, dass er den ganzen Tag in der Sonne lag, sodass es hier selbst im tiefsten Winter angenehm warm war. Nun, da der Winter allmählich dem Frühling wich, und die Tage länger wurden, fühlte sich der Sommerhof bereits warm wie ein Sommertag im Norden an, und die steinerne Bank, die Nestor ausgewählt hatte, war so heiß gegen Nestors ausgekühlte Haut, dass er das Gefühl hatte, gebraten zu werden, doch er biss die Zähne zusammen und ertrug es einfach, genauso wie er es während seiner Adeptenzeit getan hatte.

So musste sich ein Fisch fühlen, der in der Bratpfanne lag, dachte ein kleiner, hysterischer Teil von ihm.

»Nestor!«, rief Ella aufgebracht. »Was tust du da?«

Nestor ignorierte sie und überlegte, ob er sich auch seiner Hosen entledigen sollte. Obwohl die Wintersonne so mild war, brannte sie doch wie Feuer auf seiner Haut und brachte das Eis in seinen Adern zum Schmelzen. Seine Magie war wütend und wollte spielen und toben und immer noch raus, raus, raus, doch Nestor hielt sie mit eisernem Griff fest, bis das Gefühl unter der spärlichen Wärme, die Ruïr ihnen geschickt hatte, langsam dahinschmolz. Es war lange her, seit er zu solchen drastischen Maßnahmen hatte greifen müssen.

»Lasst ihn hier eine Weile liegen«, befahl die Hohepriesterin. »Er wird sich schon wieder beruhigen.« Nestor hörte, wie ihre Sandalen wütend gegen das Pflaster, das die Hauptwege bedeckte, klatschten, als sie sich entfernte.

Nestor seufzte innerlich. Wahrscheinlich würde er sich später eine Tirade darüber anhören müssen, dass er die gesamte Priesterschaft in ein schlechtes Licht rückte.

Er zuckte zusammen, als ihn jemand am Handgelenk berührte, und riss die Augen auf. Ella stand über ihn gebeugt, die Brauen besorgt zusammengezogen, während ihre braunen Locken um ihr Gesicht tanzten.

»Mir ist ziemlich egal, was die Heilige Mutter sagt. Deine Haut ist ganz offensichtlich zu empfindlich für die pralle Sonne. Du bist schon ganz rot. Lass uns wenigstens in den Nordhof gehen, wenn du unbedingt hier draußen bleiben willst.«

Hinter ihr stand Rohin mit gerunzelter Miene und selbst Rosa war noch immer da, ihr Gesicht ausdruckslos.

»Mach dir keine Sorgen um mich«, stieß Nestor hervor und entwand Ella seinen Arm.

Rosa schnaubte. Nestor hatte keine Ahnung, warum sie noch immer hier war. Warum sie alle noch hier waren. Er und die anderen Priester waren keine Freunde. Nestor behandelte sie mit Höflichkeit, wenn sie sich begegneten, doch darüber hinaus ging er ihnen allen aus dem Weg.

Ella schob sich die Haare hinters Ohr und musterte ihn aus schmalen Augen, als versuchte sie ihn zu verstehen. Nun, da gab es nicht viel zu verstehen. Es war besser, sie hielten sich alle fern von ihm. Hatten sie das gerade nicht gesehen?

Wind kam auf und dann schob sich eine Wolke vor die Sonne. Es wurde augenblicklich empfindlich kalt und Nestors Eis unternahm einen neuerlichen Versuch, sich aus seinem Griff zu befreien.

Nestor legte mit einem Stöhnen die Hand über die Augen. »Rohin, bitte.«

»Gib mir einen guten Grund«, erwiderte Rohin kühl.

Nestor presste die Lippen zusammen. »Eure Sicherheit sollte Grund genug sein, nicht wahr?«, sagte er scharf.

»Unsere Sicherheit?«, rief Ella empört. »Nestor! Du hast gerade eine Tragödie verhindert, indem du so schnell reagiert hast. Ich weiß noch immer nicht, wie du das Schild so lang aufrechterhalten konntest. Was bringt es unserer Sicherheit, wenn du dich selbst verbrennst? Das kann deiner Magie nicht guttun!«

Nestor sagte nichts.

»Das ist es, nicht wahr?«, sagte Rohin leise.

Nestor spannte sich an, blieb jedoch stumm.

»Wie bitte?«, fragte Ella.

»Du versuchst, deine Magie auszubrennen.« Rohin fing Nestors Blick auf, seine Augen sturmumwölkt wie der Heilige Ozean im Winter. »Nun, vielleicht nicht auszubrennen, aber in Schach zu halten.«

»Was?« Ellas Stimme war schrill. Sie packte Nestors Arm und zog daran. »Nestor! Du gehst jetzt augenblicklich aus der Sonne. Bist du völlig wahnsinnig?«

Nestor entriss ihr mit einem Ruck seinen Arm und rollte sich von der Bank. »Fass mich nicht an!«, zischte er und brachte einige Schritte Abstand zwischen sich und die anderen.

Ella hatte die Hände in einer beschwichtigenden Geste erhoben, die Augen weit aufgerissen. Rosa stand am Rand, die Arme vor der Brust verschränkt, die Miene noch immer ausdruckslos.

Nestor spürte, wie ihm die Hitze in die Wangen stieg und verfluchte den rothaarigen Kerl, dass er Nestor dazu gezwungen hatte, sich so vor seinen Kollegen zu entblößen.

»Warum nicht?«, fragte Rohin. »Wovor hast du Angst?«

Nestor lachte bitter. »Ich schulde dir keine Erklärung.«

»Nestor!«, rief Ella entrüstet. »Wir wollen dir nur helfen.«

Ich will dir nur helfen.

Nestor erstickte die schmierige Stimme aus seiner Vergangenheit hastig, doch nicht schnell genug. Schneeflocken tanzten um ihn herum und eine leichte Reifschicht breitete sich über das Gras zu seinen Füßen aus.

Ella schnappte nach Luft. »Wie kannst du nach allem noch so viel Magie haben?«, fragte sie mit einem Hauch von Ehrfurcht in der Stimme, der Nestor einen Schauer über den Rücken jagte. Ehrfurcht. So etwas hatte ihm gerade noch gefehlt. Er taumelte rückwärts, weg von dem erfrorenen Gras, als könnte er seiner eigenen Magie entkommen. Seine Füße jedoch wollten ihm nach all der Anstrengung nicht mehr so recht gehorchen, sodass er stolperte und mit rudernden Armen fiel. Der Aufprall trieb ihm die Luft aus den Lungen.

»Nestor!«

Ella war sofort bei ihm und er spürte das Prickeln ihrer Magie, als sie ihm eine Hand auf die Brust legte, warm und sanft wie der Frühling.

»Nein«, keuchte er, doch sie ließ sich nicht beirren.

»Sei nicht dumm, Nestor. Ich bin eine Priesterin des Frühlings. Dein Eis kann mir nicht schaden.«

»Du hast keine Ahnung«, murmelte er und dachte an das erfrorene Gras. Nein, der Frühling hatte keine Chance gegen den Winter.

Er hörte Ella keuchen und ihre Hand verschwand urplötzlich. Nestor riss die Augen auf und sah überall gefrorenes Gras. Schneeflocken wirbelten wie wahnsinnig um ihn herum und peitschten ihm ins Gesicht. Als er die Hand hob, war auch sie von einer dünnen Schicht Eis bedeckt.

»Nestor! Was geschieht mit dir?«

Zu viel Magie, dachte er mit einem leichten Anflug von Hysterie. Mehr Magie als ein einzelner Mensch beherbergen können sollte. Orin und er hatten nie herausgefunden, ob Nestor in der Lage war, Magie aus seiner Umgebung zu ziehen oder der schier endlose Quell der Macht in ihm selbst schlummerte wie bei gewöhnlichen Magiebegabten.

»Nestor!« Rosas Gesicht verdeckte den Himmel. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu schließen, rief sie ihn nicht zum ersten Mal.

»Was?« Eine Wolke von Schnee begleitete das eine Wort und Rosa prallte überrascht zurück.

»Wie macht er das?«, hörte Nestor Ella fragen. Ihre Stimme hielt einen seltsamen Unterton. Vielleicht würde sie nun ein wenig mehr Abstand zu ihm halten.

Rosa beugte sich wieder über ihn. Er konnte spüren, wie ihr Körper einen Schatten warf und ihn von der Sonne abschirmte. Sein Eis freute sich. Das Gras knirschte, als Nestor die Finger gegen den Boden presste.

Rosas Lippen bewegten sich, doch er konnte sich nicht über das Heulen in seinem Inneren hören. Das Eis wollte raus, raus, raus. Mit den Winden spielen, so wie sie es früher getan hatten. Spielen und tollen und frei sein. »Nestor! Würde dir das Feuer der Sorin helfen?«

»Bist du wahnsinnig?«, rief Ella und schob sich zwischen Nestor und Rosa, als wollte sie Nestor noch immer beschützen. Sie war zu jung und unschuldig. Warum hatte die Hohepriesterin sie zur Priesterin in der Halle der Heiligen ernannt? Jemand wie Ajax hätte mehr Sinn ergeben.

Die beiden Priesterinnen begannen zu streiten. Über ihn. Nestor hätte darüber gelacht, wenn er nicht damit beschäftigt gewesen wäre, Arden vor einem plötzlichen Wintereinbruch zu bewahren.

Über Ellas Schulter hinweg begegnete Nestor Rosas Blick. Ihre Augen loderten. Nestor nickte.

Rosas aufflammende Augen waren das Letzte, was er sah, als ihn die Hitze der Sorin einhüllte.

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