Eine Weinbergschnecke im Wald: Ein Satz am Tag – Warum das reicht, um einen Roman zu schreiben (oder auch sieben)
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Ein Satz am Tag

Warum das reicht, um einen Roman zu schreiben (oder auch sieben)

Ich habe früher immer davon geträumt, endlos viel Zeit zum Schreiben zu haben. Ein Wochenende, einen Urlaub und dann setz ich mich hin und tue nichts anderes. Wenn ich doch nur Zeit hätte. Wenn ich doch nur…

Und als ich die Zeit dann hatte und ich mir drei Stunden Zeit zum Schreiben eingeplant hatte, passierte genau … gar nichts.

Oftmals ist das Problem nicht, dass ich keine Zeit zum Schreiben habe. Das Problem ist, dass es unglaublich viel Überwindung kostet, etwas aus dem Nichts zu erschaffen. Und davor scheue ich zurück. Sobald die Zeit gekommen ist, ist alles wichtiger und ich habe Ausrede um Ausrede. Mir fällt nichts ein, ich bin nicht motiviert, ich muss noch den Müll rausbringen. Unser Leben ist auf Bequemlichkeit ausgerichtet. Und schreiben, kreativ zu sein, etwas zu erschaffen, bei dem ich nicht vorher weiß, was am Ende rauskommt, ist wahrscheinlich der Gipfel der Unbequemlichkeit.

Kreativität ist so etwas wie ein Muskel, den wir nur noch selten benutzen (wozu auch, wenn die KI doch alles viel schneller kann!), den wir vollkommen vernachlässigt haben, und der deshalb verkümmert ist.

Wenn du deshalb anfangen willst, zu schreiben, und dir zum Ziel setzt, ein ganzes Wochenende, einen Tag oder auch nur eine Stunde zu schreiben, geht dein innerer Schweinehund auf die Barrikade, die Angst wird so groß, dass sie alles erstickt, und ALLES ist wichtiger (sprich: ungefährlicher), als zu schreiben.

Jup, ich spreche definitiv aus Erfahrung. Anfangen war nicht so mein Problem, aber eine Geschichte fertig zu schreiben? Dafür schien es ein besonderes Talent zu brauchen, mit dem ich leider nicht ausgestattet worden war. Offenbar fehlte es mir an Disziplin, um mich jeden Tag hinzusetzen. Dachte ich zumindest.

Bis ich mir die Hürde so klitzeklein wie nur möglich setzte.

Wie viel Zeit pro Tag braucht es also, um einen Roman zu schreiben?

Wenn man so große Schriftsteller hört (oder auch alle möglichen Leute im Internet), dann sollte man sich schon genügend Zeit nehmen, um einen Roman zu schreiben. 2000 Wörter pro Tag, schreibt Stephen King in seinem Buch „Vom Schreiben“. Ein Roman-Coach im Internet behauptete, dass man schon fünfzehn Minuten nehmen sollte, sonst wird das nichts.

2000 Wörter pro Tag führten bei mir dazu (ja, ich habe es ausprobiert), dass der Zwang mit jedem Tag größer wurde und ich das Schreiben irgendwann anfing zu hassen. Also keine gute Grundlage, um mehrere Romane ohne Burn-out zu schreiben.

Fünfzehn Minuten? Das ist eigentlich nicht viel, erschien mir in manchen Phasen meines Lebens aber schon wie ein unüberwindliches Hindernis. Fünf Minuten am Tag? Immer noch zu viel. Eine Minute? Das nun ist doch eine wirklich überschaubare Zeitspanne. Aber für eine Minute fang ich gar nicht erst an. Das lohnt sich nicht.

Was dann? Fünf Minuten sind zu viel, eine Minute ist mir zu eng, zu knapp. Was tun?

Ein Satz am Tag.

Das … erschien machbar. Lächerlich wenig, ja, aber machbar, selbst wenn ich Kopfschmerzen hatte, krank war, alles zu viel war, ich den ganzen Tag unterwegs war. Ein Satz am Tag? Easypeasy.

Schlafende Hunde soll man ja bekanntlich nicht wecken und das gilt auch für den inneren Schweinehund. Sobald der nämlich einmal wach ist, wird’s mit dem Schreiben erst einmal gar nichts mehr. Deshalb ist es so wichtig, die Hürde am Anfang so niedrig wie nur irgend möglich zu setzen. Du willst den inneren Schweinehund möglichst nicht wecken, sondern auf Zehenspitzen an ihm vorbeischleichen. Du fühlst es sofort, wenn du die Hürde zu hoch gesetzt hast. Bei mir wird innerlich alles eng, etwas in mir legt sich in die Ecke und möchte heulen. Ein sicheres Zeichen dafür, dass ich die Latte zu hoch gelegt habe und erst mal ein paar Sprossen tiefer anfangen muss.

Wenn du jetzt denkst, oh, mit einem Satz am Tag werde ich meinen Roman nie fertig bekommen, dann kann ich dir sagen, dass ich genau so und nicht anders meinen zweiten Roman Gesang des Feuers geschrieben habe. Und lustigerweise ist es das längste Buch meiner Fengard Chroniken.

Natürlich habe ich nicht jeden Tag nur einen Satz geschrieben. Meistens war mit dem einen Satz die größte Hürde schon genommen und danach folgte noch ein Satz und noch einer, bis ich keine Lust mehr hatte oder nicht weiter wusste. Der eine Satz ist nicht das Limit, sondern mein tägliches Minimum. Wenn’s danach fließt – super. Aber ich habe mir selbst die Erlaubnis gegeben, nach einem Satz den Stift fallen zu lassen und den Roman (das Projekt) für den Rest des Tages zu vergessen. Auch wenn ich drei Tage in Folge nur einen Satz schreibe. Oder eine Woche lang. Einen Monat lang. Egal. Ein Satz ist alles, was es braucht.

Ein Satz am Tag: Fang klein an, aber fang an

Und wenn du immer noch zweifelst und denkst, ich spinne, überleg einfach, wie schnell du deinen Roman mit keinem Satz am Tag fertig bekommst.

In einem Jahr kannst du entweder einen Satz, zehn Sekunden oder auch ein Wort am Tag weiter sein … oder an der gleichen Stelle stehen wie in diesem Augenblick.

Ein Satz am Tag ist übrigens immer noch mein Minimum und ich wende dieses Prinzip auch auf andere Dinge in meinem Leben an. Blogbeitrag veröffentlichen? Da ist mein Minimum manchmal einfach nur: Starte das Programm oder logge dich in deinen Account ein. Fertig. Meistens reicht es schon aus, diese lästige Hürde aus dem Weg zu bekommen. Und wenn nicht? Dann ist die Hürde für den nächsten Tag schon aus dem Weg geschafft und ich bin einen Schritt (oder einen Satz) weiter.

Also. Leg das Handy weg. Setz dich hin. Schreib den Satz und setz dich in Bewegung.

Denn sobald wir uns in Bewegung setzen, ändert sich alles.

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